ÜBER FRAGEN VON NÄHE-DISTANZ, SEXUALITÄT UND WÜRDE

Pädagogische Beziehungen bergen ein riesiges heilsames Entwicklungspotenzial für die Kinder und Jugendlichen, stellen aber auch eine Gefahr für sie dar, wenn Pädagoginnen und Pädagogen ihre Macht missbrauchen und ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. In dieser Tagung  werden pädagogische Beziehungen auch unter ethischen Gesichtspunkten reflektiert und diese Reflexionen auf die Praxis bezogen.

Programm

09:00 Uhr    Öffnung des Tagungsbüros

09:30 Uhr    Begrüßung durch Werner Fritz
                           (Geschäftsführer der Jugendhilfe Creglingen e. V.)

09:45 Uhr    Vortrag: Prof. Dr. Hans Thiersch und Renate Thiersch |
                           Lebensweltorientierung und die Beziehungen zwischen
                           Professionellen und Adressaten/innen


10:45 Uhr    Frühstückspause

11:00 Uhr    Vortrag: Dr. Jan Volmer | Taktvolle Nähe - Vom Finden
                           des angemessenen Abstands


11:45 Uhr    Vortrag: Prof. Dr. Ulrike Schmauch | Sexualität unter
                           Generalverdacht?


12:30 Uhr    Mittagspause

13:30 Uhr    Workshops
                           W1 | Den Tanz zwischen Nähe und Distanz wagen
                                       (Dr. Udo Baer)
                           W2 | Sexualität unter Generalverdacht?
                                       (Prof. Dr. Ulrike Schmauch)
                           W3 | Die eigene emotionale Beteiligung –
                                       Chancen und Risiken (Thabo Held)
                           W4 | Eine würdevolle Haltung – der Erzieher
                                       als äußerer Halt (Michael Ebert)
                           W5 | Stolpersteine für pädagogische Beziehungen
                                       (Dr. Jan Volmer)

15:15 Uhr    Kaffeepause

15:30 Uhr    Vortrag: Dr. Udo Baer | Die Würde der pädagogischen
                           Beziehung


16:30 Uhr    Abschluss mit Podiumsdiskussion

17:00 Uhr    Ende der Veranstaltung

Prof. Hans Thiersch | Renate Thiersch

Lebensweltorientierung und die Beziehungen zwischen Professionellen und Adressaten/-innen

Wenn auch das Konzept Lebensweltorientierung primär auf allgemeine Strukturen und Handlungsmaximen setzt, so sind daneben immer auch die persönlichen Beziehungen zentral, zumal in heutigen entgrenzten und verunsicherten Verhältnissen. Ihre Eigenart soll im Spannungsfeld von Vertrauen, Nähe, Distanz, Verantwortung und Macht erörtert und in den allgemeinen sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen dargestellt werden, die die Umgangsformen in der Gesellschaft bestimmen.

Dr. phil. Jan Volmer

Taktvolle Nähe - Vom Finden des angemessenen Abstands

Wie können Pädagoginnen und Pädagogen der Forderung nach einer „angemessenen“ Nähe-Distanz-Regulation entsprechen? Da pauschale Verhaltensrichtlinien den komplexen Anforderungen und Moralfragen, in die pädagogische Beziehungen eingebettet sind, niemals gerecht werden können, muss der angemessene Abstand letztlich von jedem selbst herausgefunden werden. Schwierig, aber wertvoll! Wie kann es uns gelingen, nicht zu nahe zu kommen und nicht zu fern zu bleiben?

Prof. Dr. Ulrike Schmauch

Sexualität unter Generalverdacht? - Auf der Suche nach einer guten Balance zwischen Gewaltschutz und Sexualfreundlichkeit

Viele soziale Fachkräfte empfinden in der Arbeit mit ihren Klient*innen eine Verunsicherung im Kontext von körperlicher Nähe und in Fragen der Sexualität. Das Aufdecken sexueller Gewalt und institutioneller Mittäterschaft in sozialen Einrichtungen hatte zur Folge, dass Interventions- und Schutzkonzepte für diese Thematik entwickelt wurden. Dies hat indessen dazu beigetragen, dass vielerorts zunehmend eher sexualitäts- und körperfern gearbeitet wird. Jedoch kann eine soziale Profession, die Menschen in ihrer Ganzheit und Vielfältigkeit sieht, deren körperlich-sexuelle Dimension nicht ausblenden, sie geht vielmehr in reflektierter Weise auf sie ein – zunächst wegen ihres ganzheitlichen Menschenbildes, dann aber auch, weil Sexualität und sexuelle Selbstbestimmung Inhalte der sexuellen Rechte und als solche Teil universeller Menschenrechte sind. Hinzu kommt, dass es auch als eine Form der sexuellen Traumatisierung zu begreifen ist, wenn Sexualität tabuisiert, unterdrückt und bestraft und primär als Gefahr vermittelt wird. Im Vortrag geht es um die Frage, wie es gelingen kann, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten, also am Ende nicht nur sexuelle Übergriffe, sondern Sexualität insgesamt für bedrohlich zu halten. Dies führt zu der These, dass ein sexualfreundliches Klima in sozialen Einrichtungen dazu beitragen kann, das Risiko sexueller Grenzverletzungen zu mindern.

Dr. Udo Baer

Die Würde der pädagogischen Beziehung

Jede pädagogische Tätigkeit ist Beziehung. Diese Beziehung zu würdigen, das Gegenüber und sich selbst bedarf Achtsamkeit, Reflektion und Würdigung des Eigensinns - nicht als Egoismus, sondern als Sinn für das Eigene, als Eigen-Sinn.
Unter Eigensinn wird nicht Egoismus verstanden, der sich über andere erhebt, sondern der Sinn für das Eigene, also der Eigen-Sinn, der auch den Eigen-Sinn der anderen würdigen kann und soll.
Die Orientierung in der pädagogischen Beziehung ist die Würde. Diese ist weder allgemeine Floskel der Sonntagsreden noch eine Eigenschaft, die Menschen haben oder nicht. Würde ist eher Verb als Substantiv. Würde ist Inhalt und Ergebnis des Prozesses, andere Menschen und sich und die Beziehungen zu würdigen. Immer und immer wieder. Würdigen ist konkret oder gar nicht. 

Workshop 1 | Den Tanz zwischen Nähe und Distanz wagen
                               (Dr. Udo Baer)

Workshop 2 | Sexualität unter Generalverdacht?
                               (Prof. Dr. Ulrike Schmauch)

Workshop 3 | Die eigene emotionale Beteiligung – Chancen
                               und Risiken (Thabo Held)

Workshop 4 | Eine würdevolle Haltung – der Erzieher als
                               äußerer Halt (Michael Ebert)

Workshop 5 | Stolpersteine für pädagogische Beziehungen
                               (Dr. Jan Volmer)

Workshop 1: Den Tanz zwischen Nähe und Distanz wagen | Dr. Udo Baer

Es gibt keine absolute Bestimmung von "richtiger" Nähe und Distanz. Das Spüren angemessener Nähe und Distanz ist eher ein Tanz. Wie viel Nähe, Wie viel Distanz ist ein Hin und Her innerhalb der Grenzen der Unverletzlichkeit der Würde. Die Begegnungen in diesem Tanz hängen davon ab, wie sich gerade die Menschen befinden, die Sie begleiten, wie Sie sich gerade erleben und in welcher Situation sich alle Beteiligten erleben. Wie Sie Ihr Spüren ernst nehmen und den Tanz wagen können, durch Unsicherheiten und Scham hindurch, können Sie in diesem Workshop üben.

WORKSHOP 2: Sexualität unter Generalverdacht? | Prof. Dr. Ulrike Schmauch

Im Workshop geht es um die Reflexion beruflicher Erfahrungen im Umgang mit Sexualität in der pädagogischen Praxis. An Beispielen aus dem beruflichen Alltag der Teilnehmenden sollen typische Fragen und Schwierigkeiten ebenso wie Lösungsideen besprochen und mit Thesen des Vortrags verknüpft werden. Die Teilnehmenden werden gebeten, Praxisbeispiele zum Thema mitzubringen.

WORKSHOP 3: DIE EIGENE EMOTIONALE BETEILIGUNG - CHANCEN UND RISIKEN ... | THABO HELD

... oder "Darf ich als Pädagoge oder Pädagogin auch mal wütend sein?"

Wir wollen in dem Workshop der Frage nachgehen, wie sich Pädagogen und Pädagoginnen persönlich und emotional in pädagogische Beziehungen einbringen. Welche Chancen und Risiken birgt dies für mich als "professionelle" Fachkraft? Welche Chancen und Risiken bringt dies für die zu betreuenden Kinder und Jugendlichen? Diskutiert werden diese Fragen auch anhand persönliche Erfahrungsberichte aus der intensiven Begleitung von traumatisierten und psychisch kranken Kindern.

WORKSHOP 4: EINE WÜRDEVOLLE HALTUNG - DER ERZIEHER ALS ÄUSSERER HALT | MICHAEL EBERT

Das Werden zum "Inneren Halt" ist nach Paul Moor das Hauptziel der Heilpädagogik. Von diesem Weg können Kinder durch unterschiedliche Einflüsse abkommen und benötigen den Erwachsenen als äußeren Halt. Eine ausgewogene Nähe-Distanz-Regulation spielt hierbei eine große Rolle, damit sich ein Kind innerhalb eines sicheren und würdevollen Ortes zu seinem Ziel hin entwickeln kann - hierzu kann der Workshop elementare heilpädagogische Antworten liefern.

WORKSHOP 5: STOLPERSTEINE FÜR PÄDAGOGISCHE BEZIEHUNGEN | DR. JAN VOLMER

"Taktvolle Nähe" zwischen Pädagogen/ Pädagoginnen und Adressaten/ Adressatinnen entspricht nach meinem Verständnis dem Ideal pädagogischer Beziehungen. Auf dem Weg dorthin wimmelt es jedoch insbesondere in der Enge und Hektik stationärer Einrichtungen nur so von Stolpersteinen ... einige davon wollen wir in dem Workshop versuchen zu identifizieren: Solche, die von den Adressaten und Adressatinnen "mitgebracht" werden, aber auch solche, die die Pädagogen und Pädagoginnen und die Institutionen zu verantworten haben!

Organisation

Main-Tauber-Insitut
der Jugendhilfe Creglingen e. V.
Riemenschneiderbrücke 6
97993 Creglingen

Ansprechpartnerin:
Diana Waldmann

Tel.: (07933) 92 22 - 0
Fax: (07933) 92 22 - 29
mail@ main-tauber-institut.de

Zeit und Ort

30.04.2019
09:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Kursaal Bad Mergentheim
Lothar-Daiker-Str. 2
97980 Bad Mergentheim

Kosten

110 € pro Teilnehmer
inkl. Getränke und Verpflegung

REFERENT

Prof. em. Hans Thiersch

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Renate Thiersch

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Dr. phil. Udo Baer

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Prof. Dr. Ulrike Schmauch

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Dr. phil. Jan Volmer

REFERENT

Michael Ebert

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Thabo Held