MOB Würzburg betreut ca. 70 junge Leute und ihre Familien

Das Kochen macht Claudia Spaß. Aber irgendwie hat es sich schon lange nicht mehr ergeben, dass sie etwas Leckeres zubereitet hat. Mit wem auch. Claudia hat nicht viele Freunde. Und mit
ihrer Mutter ist es nicht ganz einfach. Ihr geht es oft nicht gut. Und dann muss Mama ja auch alles alleine managen, seit Papa weg ist. „Wollen wir mal zusammen kochen?“, fragte die Frau, die
sich „Erziehungsbeiständin“ nennt und Claudia seit einem Monat
regemäßig besucht. Claudia nickt. Ja, das wäre wirklich toll!

„Erziehungsbeistandschaft“ nennt sichs eine Form der Jugendhilfe,
die immer dann bewilligt werden kann, wenn Eltern mit der Erziehung an ihre Grenzen stoßen. Genehmigt wird die Maßnahme vom Jugendamt, das allerdings nicht selbst aktiv wird.

Es beauftragt einen Jugendhilfeträger damit, die Unterstützung zu leisten. In Claudias Fall ging der Auftrag an die „Creglinger Jugendhilfe“, die seit 20 Jahren in Würzburg aktiv ist. Rund 70Kinder und Jugendliche aus der Stadt haben derzeit einen Erziehungsbeistand von dieser Organisation. „Die Zahlen steigen kontinuierlich“, sagt Thomas Möginger, der die „Mobile Jugendbetreuung Würzburg“ des Vereins Creglinger Jugendhilfe leitet.

Claudia (Name geändert) fiel in der Schule durch Lustlosigkeit, schlechte Zensuren und häufige Fehlzeiten auf. Dann kam heraus, dass sie seit längerem anzügliche Fotos von sich postet. Die machten die Runde. Was zu Mobbing führte. Der Schulsozialarbeiter wandte sich ans Jugendamt. So kam es, dass Claudias Mutter das Angebot einer Erziehungsbeistandschaft erhielt.

Nachdem sie es schon längere Zeit ziemlich anstrengend mit Claudia fand, willigte sie ein und beantragte die Hilfe. Trotz Bedenken. Stellte sie sich als Mutter nicht ein Armutszeugnis aus, indem sie die Unterstützung akzeptierte? Die Institution „Jugendamt“ löst häufig Ängste und Bedenken aus, weiß Monika Bach vom Würzburger Leitungsteam der Creglinger Jugendhilfe. Der Organisation ist es deshalb wichtig, zu vermitteln:

Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen: „Erziehung kann manchmal wirklich schwierig sein.“ Woher soll man auch wissen, wie man alles richtig macht. Kinder zu erziehen, lernt man nicht in der Schule. Heutzutage wird dieses Wissen auch immer seltener von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Zusätzlich steigen die Anforderungen. Dass es mit der Erziehung nicht klappt, das kommt weit öfter vor, als sich das Eltern, die selbst mit der Erziehung überfordert sind, vorstellen.

Die 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Creglinger Jugendhilfe haben es mit Eltern ganz unterschiedlicher Nationalitäten zu tun. Nicht selten sind die Mitarbeiter der weltanschaulich neutralen Jugendhilfeorganisation auch in Ein-Eltern- oder in Patchworkfamilien zugange. Häufig haben sie es mit Müttern oder Vätern zu tun, die an Depressionen, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen leiden.

Am Ende der Kraft

Claudias Mama wusste oft nicht, wo sie die Kraft hernehmen sollte, sich um alles zu kümmern. Häufig fühlte sie sich fix und fertig. Deshalb besiegte sie ihre Zweifel und ließ sich auf die Jugendhilfemaßnahme ein. Claudia zu gewinnen, war nicht ganz so einfach. Doch die Erziehungsbeiständin ließ sich nicht davonabschrecken, dass Claudia anfangs skeptisch, unfreundlich und wenig kooperativ war. Das Blatt wendete sich nach dem gemeinsamen Kochevent. Überhaupt begann Claudia, es zu genießen, dass da jemand da war, der sich so stark für sie interessierte. Nach sechs Wochen war das Eis gebrochen. Claudia konnte sich nun voll auf die Hilfe einlassen. Bald begann sie, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Einblick zugeben in das, was sie dachte, was fühlte und was sie in letzter Zeit erlebt hatte. Irgendwann brachte die Erziehungsbeiständin das Gespräch auf die Bilder, die Claudia von sich über das Handyverschickt hatte. Das Mädchen berichtete von ihren Problemen mit ihrem ersten Freund. Von ihren Unsicherheiten, was die Themen „Freundschaft“ und „Beziehung“ anbelangt. Niemals hätte sie sich getraut, mit ihrer Mutter darüber zu sprechen. Und eine beste Freundin gab es nicht. Für Claudia selbst war es überraschend, welchen Gewinn sie von jener Frau hatte, die sie zunächst ablehnte. Mit ihrer Hilfe gelang es ihr, selbstbewusster zu werden. Gerade, was Jungs anbelangt. Die Jugendliche begann, sich wieder mehr für die Schule zu interessieren. Die Zensuren wurden auch allmählich besser. Schließlich hatte sie den Mut, erstmals ins Jugendzentrum zu gehen. Wo sie nach einigen Wochen auch ein Mädel fand, mit dem sich eine Freundschaft anbahnte. Inzwischen hat Claudia das Quali in der Tasche und lernt einen Handwerksberuf. Nach zwei Jahren wurdedie Jugendhilfemaßnahme beendet.
Pat Christ

Der Originaltext erschien im Würzburger Kultur- und Regionalmagazin Der Kessener

https://der-kessener.de/

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