Kindern eine Stimme geben

Im Rahmen des „Creglinger Workout-Fachsimpeln in den Feierabend“ war Petra Kiehl, MFT-Leitung im Albert-Schweitzer-Kinderdorf Hessen zu Gast in Creglingen. Sie führte die interessierten und begeisterten Zuhörerin:nen in die Methode und Haltung der Multifamilientherapie (MFT) ein. Seit vielen Jahren hat sich diese pädagogisch-therapeutische Methode in Deutschland unter anderem in der Jugendhilfe und an Schulen etabliert. Petra Kiehl hat 2009 mit MFT begonnen und berichtete von ihren langjährigen Erfahrungen aus der Praxis und als Ausbilderin.

MFT ist eine Methode der systemisch-familientherapeutisch orientierten Gruppenarbeit, um die Beziehungs- und Handlungskompetenzen von Familien zu erweitern. Es treffen sich sechs bis acht Familien mit ähnlichen Problemen, die in eine Elterngruppe und eine Kindergruppe aufgeteilt werden. Die Eltern sollen in ihrem Erziehungsverhalten gestärkt werden und die Kinder sollen gehört werden. MFT ist für alle Familien und alle Altersgruppen geeignet. „Jede Familie sollte die Chance haben, die MFT zu besuchen“, so Kiehl. Sie biete viele Chancen für Familien an ihren Bindungen und Beziehungen zu arbeiten. Wenn die Dinge aus dem Gruppensetting nach Hause überschwappen, birgt MFT die Chance bei den Eltern auf Verhaltensänderungen, Kompetenzerweiterung und ein besseres Wahrnehmen der Kinderbedürfnisse. Meist wird die Methode in Deutschland derzeit als Leistung der Jugendhilfe oder in Schulen bei Kindern, die schwer beschulbar sind, angewendet. In der Schule findet die sogenannte „Familienklassenzimmer“ statt. Petra Kiehl wie auch die Begründer der Methode Prof. Dr. med. Eia Asen und Prof. Dr. med. Michael Scholz sind sicher, dass die MFT einen hohen Wirkungsgrad von nahezu 100 Prozent zeige, was auch viele empirische Studien belegen. Begründet wurde die Methode in England und wird heute weltweit eingesetzt.

Unterschiedliche Familien treffen sich im Gruppensetting mit den Pädagog:innen und werden mal zu Experten und mal zu Hilfeannehmenden. Frau Kiehl beschreibt es so, dass die Therapeuten „auf dem Rücksitz sitzen“ beobachten und erstmal abwarten. Die Eltern sehen sich in den anderen Gruppenteilnehmer:innen gespiegelt, da man ein falsches Verhalten eher bei anderen als bei sich selbst sieht. Ist das Problem ausgesprochen fängt man an, selbst über sein eigenes Fehlverhalten nachzudenken. Ohne einen großen Mehraufwand kommen viele positive Bewegungen in die Gruppe und bei den einzelnen Gruppenmitgliedern an. Durch die aktive elterliche Einbeziehung übernehmen die Eltern mehr Verantwortung bei der Erziehung. Das Angebot schafft eine Vernetzung von Familien, so dass neue Kontakte und Freundschaften entstehen und die Familien so aus ihrer Isolation herauskommen. Durch das Hören von Problemen anderer bekommt man das Gefühl, dass „alle im gleichen Boot sitzen“ und es anderen ähnlich geht wie einem selbst. Die Familien bekommen Hoffnung und eine neue Perspektive. Am wichtigsten ist allerdings, dass Kinder eine Stimme bekommen, da die Kinder sehr stark mit einbezogen werden. Nach dem Impulsvortrag von Petra Kiehl gab es einen regen Austausch unter den Fachkräften über diese sehr interessante pädagogische Methode. Am darauffolgenden Tag gab es die Möglichkeit zu einem Praxistag bei dem man tiefer in die Thematik einsteigen und sich ausprobieren konnte.

Ihre Ansprechpartnerin

Gabriele Bachem-Böse
Dipl. Psychologin
Leitung des Main-Tauber-Instituts
Riemenschneiderbrücke 6
97993 Creglingen
Tel. (0 79 33) 92 22-0
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